TANTRA – WIE INNEN SO AUSSEN

Unter dem Begriff Tantra eröffnet sich eine extrem mannigfaltige und nicht überblickbare Tradition des indischen Hinduismus und Buddhismus. Es handelt sich dabei um eine der ältesten philosophischen Schulen und gleichzeitig um ein praktisches System, ursprünglich mündlich und später auch schriftlich überliefert, wovon ein riesiger Komplex an Texten zeugt.

Aus verschiedenen Kanälen gespeist – manche gehen über 5000 Jahre zurück – erlebte Tantra eine Hochblüte um 1100 nach Christus. Das besondere an dieser Tradition ist, dass sie keinen Bereich des Lebens ausschließt. Damit wandten sich die Tantriker gegen die Herrschaft der orthodoxen Hindu-Elite, die nur ein sehr enges Feld der Spiritualität erlaubte.

Die vielen verschiedenen Strömungen eint die Weltsicht, dass das ganze Universum in uns selbst zu finden sei und innere und äußere Wirklichkeit einander entsprechen. Makrokosmus und Mikrokosmos gemacht aus derselben Struktur. Die verborgene Dimension der makrokosmischen Realität erhält ihre exakten Parallele im Mikrokosmos des Menschen.

Die alten Tantriker sahen die physische Welt, in der wir leben als den schon verwirklichten Himmel. Sie sahen das Göttliche überall.

Was hier ist, ist auch woanders. Was hier nicht ist, ist nirgendwo. – Mahanirvana Tantra

Die Wissenschaft der Energiearbeit

Tantra heißt wörtlich „ausdehnen“. Damit meinten die Tantriker einerseits die Bewusstheit, aber auch die Vergrößerung des Spielraums der komplexen Techniken. Es handelt sich dabei – ganz grob gesagt – um energetische Praktiken, um unser Bewusstsein zu transformieren.

Tantra ist ein Pfad der Energie, Kraft und Ermächtigung und lehrt uns, wie wir am effektivsten unser Potential verkörpern, um uns von den karmischen Zyklen zu befreien und zum Wohle des großen Ganzen beitragen. 

Es geht darum Energie zu kultivieren, um
1. Gewohnheiten hinter uns zu lassen.
2. die wahre Natur unseres Selbst zu realisieren.

Um diese Energie zu entwickeln, gibt es im Tantra Ansätze mit & ohne Yoga (Asana, Pranayama, Bandha, Mantra, Mudra, Yantra). Auch die Wissenschaft des energetischen Körpers tauchte erst mit Tantra auf. Kundalini und Chakras sind für einen Tantriker fundamentale Aspekte seiner menschlichen Realität.

Um die Tradition zu verstehen, ist es wichtig zu begreifen, dass für einen Tantriker alles mit der Zugehörigkeit zu einer Linie steht und fällt. Dieser Gedanke hat nichts damit zu tun, andere ausschließen zu wollen. Ganz im Gegenteil: Steht Tantra doch allen Menschen offen. Dahinter verbirgt sich die Idee der direkten Übertragung von Energie und Weisheit von einem Lehrer zu seinem Schüler. 

Oder wie mein Lehrer Rod Stryker zu sagen pflegt: „You don’t learn Tantra from a book, you receive it.“

Links- und rechtshändige Formen

Eine grobe Gliederung der Tradition findet durch die Begriffe „linkshändig“ und „rechtshändig“ statt.

Linkshändiger Tantra zeichnet sich durch extreme spirituelle Praktiken aus, die nicht mit einem adäquaten sozialen Verhalten in Einklang zu bringen sind.

Die Adepten verbrachten z.B. viel Zeit auf Leichenverbrennungsplätzen, auf den toten Körpern hockend, um dem Tod so nahe wie möglich zu sein. Der Tantriker wollte so die menschliche Angst vor dem Sterben transformieren und auf diesem Weg in Kontakt kommen mit seinen Anhaftungen an den Körper. Es sollte eine viszerale, in den Tiefen des Körpers spürbare Begegnung mit dem Tod geschaffen werden, um eine intime Beziehung mit unserer Sterblichkeit und dem Kreislauf des Lebens zu pflegen.

Rechtshändiger Tantra hingegen gliedert sich in bestehende soziale und religiöse Normen ein. Diese Tradition ist Teil des Shaktismus, der dem weiblichen Aspekt des Seins einen zentralen Stellenwert beimisst.

Der Tantriker verehrt den nicht-manifestierten kosmischen Mutterleib, aus dem alles Sein entsteht. Erst durch die Kraft von Shakti (Energie) wird aus EINS, viele. Dahinter die göttliche Mutter, die sich als „Alles“ manifestiert.

Kein Sex, sondern Wissenschaft

Traditionelles Tantra war eine subtile und klare Wissenschaft, bis der Westen damit begonnen hat, mit tantrischen Konzepten in einer okkulten Art und Weise zu experimentieren.

In klassischen tantrischen Texten gibt es keine Erwähnung sexueller Techniken. Viele Menschen verwechseln das Kamashastra  der indischen Literatur (Lehrwerke über Erotik) mit Tantra. Die beiden haben allerdings soviel miteinander zu tun, wie ein sibirischer Eisbär mit einem Känguru.

Das heutzutage hauptsächlich angebotene sexuelle „Neo-Tantra“ hat keinerlei Verbindung zu einer traditionellen Linie, sondern geht u.a. auf Aleister Crowley zurück. Er war einer der ersten, der im 19. Jhdt. mit seinem Buch „Sex Magick“ zur Schieflage von Tantra beigetragen hat, indem er sexuelle Praktiken mit vagen Sanskrit-Begriffen überfrachtet hat.

Eine Erinnerung an die einzig wahre Realität

Nun ist es an der Zeit, Tantra in seiner authentischen Pracht wieder zu entdecken. Als eine Erinnerung an Gott, an die Unendlichkeit, an die einzig wahre Realität jenseits von Zeit und Raum.

Tantra ist keine Ideologie. Es ist eine Praxis, die uns einlädt, unsere eigene Energie zu nutzen, um den Sinn unseres Daseins zu erfahren und uns berühren zu lassen von diesem unglaublichen Geschenk, das wir Leben nennen.